
Foto: Alexander-93 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
21. Oktober 2026 · 11 Min. Lesezeit
Polestar 4 Wertverlust: drei Risiken auf einmal
EU-Zusatzzoll, junge Marke, fehlende Heckscheibe. Seit September 2026 gibt es eine SUV-Variante mit Heckscheibe – für Gebrauchtbesitzer die Schlüsselnews.
Beim Polestar 4 kommen drei Risiken zusammen, die den Restwert jeweils einzeln drücken: Er wurde in China gebaut und fällt damit unter die EU-Zusatzzölle, die Marke ist jung und hat ein dünnes Netz, und das Coupé hat keine Heckscheibe. Seit September 2026 verkauft Polestar eine SUV-Variante, in der die Heckscheibe zurück ist – das ist für Gebrauchtwagenbesitzer die wichtigste Nachricht des Jahres.
Marktstart und Neupreis
Die Produktion startete im November 2023 im Geely-Werk Hangzhou Bay in China, die Auslieferungen in Deutschland begannen im August 2024. Der Einstieg lag bei 61.900 Euro für den Long Range Single Motor, die Allradversion Dual Motor bei 69.900 Euro.
Am 2. September 2026 kam der Polestar 4 als SUV mit gerader Dachlinie, aufrechter Heckklappe und Heckscheibe – ab 57.900 Euro mit 200-kW-Heckmotor, 65.900 Euro als Dual Motor, 76.300 Euro mit Performance-Paket. Gebaut wird diese Variante in Busan in Südkorea. Das Coupé kostet in identischer Motorisierung weiterhin 61.900 beziehungsweise 69.900 Euro.
Was der Gebrauchtmarkt aktuell zeigt
Konkrete Angebote für Fahrzeuge aus dem ersten Verkaufsjahr. Das sind Angebotspreise, keine erzielten Verkaufspreise, und Einzelfälle statt Durchschnitte:
| Variante | Baujahr / Ausstattung | Liste → Angebot | Verlust |
|---|---|---|---|
| Long Range Single Motor | 2024, Panoramadach, Head-up | ab 61.900 € → 42.385 € | ≈ 32 % |
| Long Range Single Motor | 2024, Pilot-Plus-Paket | ab 61.900 € → 46.990 € | ≈ 24 % |
| Alle Varianten | Baujahr 2024, Angebotsspanne | 61.900–69.900 € → 43.885–52.795 € | ≈ 24–30 % |
Eine Einschränkung, die den Wert nach unten korrigiert: Verglichen wird hier gegen den Grundpreis. Die Fahrzeuge in Zeile eins und zwei haben Panoramadach, Head-up-Display und Assistenzpakete, der tatsächliche Konfigurationspreis lag also mehrere Tausend Euro höher – der echte Abschlag ist entsprechend größer als die ausgewiesenen 24 bis 32 Prozent. Die Angebotsmenge ist mit rund 280 preisgeprüften Inseraten überschaubar, was Preisvergleiche unzuverlässiger macht als bei Volumenmodellen.
Die drei Treiber: Zoll, Marke, Heckscheibe
- Zoll. Die EU erhebt seit dem 30. Oktober 2024 Ausgleichszölle auf Elektroautos aus China, mit fünfjähriger Laufzeit. Für den Geely-Konzern, zu dem Polestar gehört, sind es 18,8 Prozent zusätzlich zum regulären Einfuhrzoll von zehn Prozent – zusammen 28,8 Prozent. Die Spanne über alle Hersteller reicht von 7,8 Prozent (Tesla Shanghai) bis 35,3 Prozent (SAIC). Das trifft Neuwagenpreise und Margen und damit indirekt das gesamte Preisniveau der Marke.
- Offene Zollfrage. EU und China verhandeln über Mindestpreise als Ersatz für die Zölle. Nach Gesprächen am 8. und 9. Oktober 2026 in Peking gilt eine grundsätzliche Einigung bis März 2027 als möglich – bestätigt ist sie nicht. Für Restwerte ist diese Unsicherheit selbst ein Abschlagsfaktor: Niemand weiß, auf welchem Niveau vergleichbare Neuwagen in zwei Jahren liegen.
- Marke und Netz. Vom Polestar 4 wurden in Deutschland 681 Fahrzeuge (2024), 2.869 (2025) und 2.429 (2026) neu zugelassen. Zum Vergleich: Der Škoda Elroq kam allein von Januar bis September 2026 auf 30.899 Zulassungen. Polestar baut das Netz ausschließlich mit Händlern der Schwestermarke Volvo aus, Ziel sind 30 „Polestar Spaces" bis 2027. Der Service läuft über das Volvo-Werkstattnetz – das ist die gute Nachricht, aber Gebrauchtkäufer bewerten Markenstabilität konservativ.
- Heckscheibe. In den Tests zum Coupé war die fehlende Heckscheibe der Hauptkritikpunkt: Der digitale Innenspiegel erzwingt einen Fokuswechsel, der insbesondere mit Gleitsichtbrille unangenehm ist. Beim neuen SUV ist der Kameraspiegel nicht mehr Serie, sondern Option. Praktisch ist das Polestars eigenes Eingeständnis, dass die Lösung Käufer gekostet hat.
Prognose: unsere Einschätzung
Annahmen: Erstzulassung heute, 15.000 Kilometer pro Jahr, Long Range Single Motor mit üblichen Paketen, Bewertung als Händlerangebot. Für dieses Modell gibt es keine veröffentlichte Restwertprognose – die folgende Spanne ist unsere Einschätzung, kein Messwert und kein Punktwert:
- Nach 3 Jahren: 40 bis 48 Prozent Restwert. Hergeleitet aus dem DAT-Wert für dreijährige Elektrofahrzeuge (51,5 Prozent) als Obergrenze, mit Abschlag für Markenabschlag, dünnes Netz und die Coupé-Karosserie. Das SUV mit Heckscheibe ordnen wir am oberen Rand ein, das Coupé am unteren.
- Nach 5 Jahren: 27 bis 34 Prozent Restwert. Hergeleitet aus dem Marktverlauf von bähr & fess (52 bis 56 Prozent nach fünf Jahren über alle Antriebe) mit demselben doppelten Abschlag für Antrieb und Marke.
Als Marken-Benchmark beobachtet die DAT das Restwertniveau chinesischer Plug-in- und Elektromodelle: Es fiel von 61 Prozent Anfang 2024 auf 47,2 Prozent Anfang April 2026. Wichtig: Die DAT nennt dazu kein Bezugsalter – das ist ein Marktniveau, kein Dreijahreswert. Die Details stehen unter Wertverlust chinesischer Autos. Ein verbreiteter Bewertungsrechner setzt den Polestar 4 AWD mit 69.900 Euro Neupreis bei 290 Euro Wertverlust pro Monat an – auch das ist eine Prognose, keine Messung.
Modellzyklus und Technik
Technisch ist der Polestar 4 solide ausgestattet: 100-kWh-Akku, bis zu 630 Kilometer WLTP mit Heckantrieb und 600 Kilometer mit Allrad, Gleichstromladen bis 200 kW und Wechselstromladen bis 22 kW. Der Wechsel der Produktion nach Busan ist der relevanteste Punkt für künftige Restwerte: Fahrzeuge aus Südkorea fallen nicht unter die China-Zölle. Ob und wie der Markt das bei einem drei Jahre alten Auto honoriert, ist offen – belegt ist bisher nur der Produktionsstandort, nicht ein Preiseffekt.
Einordnung gegen die direkten Rivalen
| Modell | Einordnung | Einstiegspreis |
|---|---|---|
| Tesla Model Y | Volumenmodell, breitester Käuferkreis | 39.990 € |
| Audi A6 e-tron | Premium-Alternative, bislang wertstabiler | 62.800 € |
| Polestar 4 SUV | eigene Baureihe, mit Heckscheibe | 57.900 € |
Der härteste Gegner ist nicht der Premium-Konkurrent, sondern die Masse: Ein Tesla Model Y beginnt bei 39.990 Euro und hat einen Vielfachen so großen Käuferkreis – das setzt die Obergrenze für alles, was ein gebrauchtes E-SUV kosten kann. Wie sich der Vorgänger der Marke geschlagen hat, steht unter Polestar 2 Wertverlust, die Premium-Alternative unter Audi A6 e-tron Wertverlust. Den Überblick über die meistverkauften Stromer gibt Wertverlust der beliebtesten E-Autos.
Für Käufer und Verkäufer
- Kaufen: Setz dich vor dem Kauf eines Coupés eine halbe Stunde mit dem digitalen Innenspiegel ins Auto, am besten mit deiner Alltagsbrille. Das ist beim Wiederverkauf genau der Punkt, an dem Interessenten abspringen.
- Kaufen: Ein zwei Jahre altes Coupé für rund 42.000 Euro ist technisch nahezu neu – 100 kWh, über 600 Kilometer Reichweite, Restgarantie. Lass dir Batteriezustand und Garantielaufzeit schriftlich geben.
- Kaufen: Prüfe, wie weit der nächste Polestar-Servicepartner entfernt ist. Beim Wiederverkauf in deiner Region ist das ein Preisargument.
- Verkaufen: Warte nicht auf eine Zollentscheidung. Fallen die Zölle weg, sinken die Neuwagenpreise – und mit ihnen dein Gebrauchtwert. Zum Timing siehe bester Zeitpunkt zum Verkaufen.
- Verkaufen: Bei rund 280 Parallelangeboten entscheidet die Auffindbarkeit. Reichweite, Akkukapazität in Prozent und Restgarantie gehören in die erste Zeile des Inserats – mehr dazu unter Elektroauto-Wertverlust.
Quellen
- Polestar Deutschland, Marktstart – Auslieferungen ab August 2024, Preis ab 61.900 € (Long Range Single Motor) bzw. 69.900 € (Dual Motor); Produktionsstart November 2023 in Hangzhou Bay
- ecomento vom 2. September 2026 – Polestar 4 SUV mit Heckscheibe ab 57.900 €, Dual Motor 65.900 €, Performance-Paket 76.300 €; 100 kWh, 630 bzw. 600 km WLTP, DC bis 200 kW, Produktion in Busan
- AutoScout24-Modellseite Polestar 4, Stand 1. Juli 2026 – Angebotsspanne Baujahr 2024 rund 43.885 bis 52.795 €, Einzelangebote 42.385 € und 46.990 €, rund 280 Inserate
- Kraftfahrt-Bundesamt – Neuzulassungen Polestar 4 in Deutschland: 681 (2024), 2.869 (2025), 2.429 (2026); Škoda Elroq 30.899 (Januar bis September 2026)
- EU-Kommission, ADAC und ecomento – Ausgleichszölle auf BEV aus China seit 30. Oktober 2024, Laufzeit fünf Jahre; Geely-Konzern 18,8 % plus 10 % regulärer Einfuhrzoll; Spanne 7,8 bis 35,3 %
- ecomento vom 15. Oktober 2026 und electrive vom 12. Januar 2026 – Verhandlungen über Mindestpreise statt Zölle, Gespräche am 8./9. Oktober 2026 in Peking, Einigung bis März 2027 möglich, nicht bestätigt
- autohaus und ecomento – Netzausbau ausschließlich mit Volvo-Partnern, Ziel 30 „Polestar Spaces" bis 2027, Service über das Volvo-Werkstattnetz
- Fahrberichte von insideevs, ARCD und electrive – Kritik an der fehlenden Heckscheibe des Coupés; beim SUV ist der Kameraspiegel Option statt Serie
- DAT – Restwertniveau chinesischer Plug-in- und Elektromodelle 61 % (Anfang 2024) auf 47,2 % (Anfang April 2026), ohne Angabe eines Bezugsalters; DAT-Report 2026: Elektro 51,5 % nach drei Jahren
- bähr & fess, allgemeiner Marktverlauf – nach 5 Jahren 52 bis 56 % Restwert über alle Antriebsarten
Alle Fahrzeugpreise sind Angebotspreise aus Inseraten, keine erzielten Verkaufspreise. Die Zoll- und Zulassungszahlen sind belegt, die Restwert-Spanne ist eine Einschätzung. Welche Modelle am anderen Ende der Skala stehen, zeigt wertstabile Autos 2026.
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